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Lexikologie 2

tomate
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11. Zusammenrückungen
Zusammenrückungen {c), die eine besondere Abart der Zusammensetzung bilden. Das ist eine lockere Verbindung mehrerer Wörter oder sogar eines kleinen Satzes zu einer Einheit, wobei die Komponenten keine Veränderungen erleiden: Tischleindeckdich, Vergissmeinnicht, Stelldichein, aufgrund {auf Grund), mithilfe {mit Hilfe), allerhöchst, dementsprechend. Dabei unterscheidet man vollständige und unvollständige Zusammenrückungen. Bei den vollständigen Zusammenrückungen sind die Komponenten endgültig zu einer Einheit verschmolzen, z. B.: Taugenichts, Langeweile, Guckindiewelt, m {1. , 2. , ). Beiden unvollständigen Zusammenrückungen hat die völlige Verschmelzung der Komponenten noch nicht stattgefunden, z.B.: die In-sich-Geschlossenheit; das Zur-Ruhe-Gehen; das Anders-Sein - Wollen.

12, 14. Vollständige, unvollständige Synonyme
Alle Synonyme lassen sich in zwei Gruppen einteilen: in vollständige und unvollständige.
a) vollständige Synonyme
Unter vollständigen (absoluten) Synonymen verstehen wir solche Wörter und Wortverbindungen, die ganz gleiche dingliche Bedeutungen haben, d. h. die einen und denselben Begriff ausdrücken, im beliebigen Kontext einander ersetzen können und stilistisch neutral gefärbt sind: Augenlid und Lid; Schi (Ski), Schneebretter, Schneeschuhe. Beifall = Applaus', obgleich - obschon.
b) unvollständige Synonyme
Die zweite, viel zahlreichere Gruppe, ist die der unvollständigen Synonyme. Unter den unvollständigen Synonymen verstehen wir solche, die sich nicht völlig decken, da sie außer den gemeinschaftlichen Hauptmerkmalen auch verschiedene Nebenmerkmale besitzen. Diese Synonymie basiert auf der Bedeutungsbeziehung der Ähnlichkeit und ist folgenderweise zu charakterisieren:
Zwei Lexeme sind im substantiellen und strukturellen Aufbau aus Bedeutungselementen bzw. Semen einander ähnlich, d.h. sie gleichen sich hinsichtlich bestimmter wesentlicher Seme und unterscheiden sich nur in sekundären Elementen (Semen), die semantisch konkretisierend, regional, wertend-stilistisch u.a. sein können.
Sie unterscheiden sich voneinander auf irgendeine Weise entweder durch Nebenschattierungen der Bedeutung oder durch besondere stilistische Färbung oder durch den Gebrauch. Dementsprechend zerfallen sie in ideographische und stilistische Synonyme.
Ideographische Synonyme sind Wörter und Wortverbindungen, die eine und dieselbe nominative Bedeutung besitzen, aber sich voneinander durch verschiedene Nebenbedeutungen und durch die Besonderheiten des Gebrauchs unterscheiden.
Die synonymische Reihe Ufer, Strand, Küste, Kai bezeichnet im allgemeinen den Erdrand eines Gewässers, aber jedes dieser Wörter hat seine besondere Bedeutungsschattierung, nämlich Ufer wird hinsichtlich eines Flusses, Baches gebraucht, Küste, Strand hinsichtlich des Meeres, Kai bezeichnet eine mit Stein oder Holz befestigte Uferstraße.
Stilistische Synonyme unterscheiden sich von anderen durch ihre besondere stilistische Beschaffenheit, also entweder durch die besondere stilistische Färbung oder durch den Gebrauch in verschiedenen funktionellen Stilen, was mit der Färbung verbunden ist. Das konkrete Sprachmaterial zeigt, dass stilistische Synonyme in der Regel ein und denselben Begriff bezeichnen, d. h. ein und dieselbe dingliche Bedeutung haben: GesichtAntlitz, Wellen Wogen, Pferd Roß. Die ersten Glieder dieser Synonymenreihen sind stilistisch neutral, die zweiten aber verschieden stilistisch gefärbt.

13. Zusammenbildung
Die Zusammenbildung ist eine relative junge Wortbildungsart. Die Zusammenbildungen entstehen durch 2 Prozesse:
1) Zusammensetzung + Suffigierung: Gesetz(e)+geb(en)+ung: weissharig
2) Zusammensetzung + Substantivierung: das Kopfschütteln, das Skilaufen.
Die produktivsten Modelle der Zusammenbildungen je nach der Wortart sind: bei den Substantiven: -er, -ung, -e; bei den Adjektiven: -ig, -erisch.

15. Homonymie
Mit Polysemie ist Homonymie eng verbunden. Die beiden Kategorien sind Abarten der Mehrdeutigkeit. Homonyme (griech. homös- gleich, önyma - Name) sind Wörter mit gleicher lautlicher Form und völlig verschiedenen (als semantisch unabhängig anzusehenden) Bedeutungen (Inhalten).
Im Deutschen entstehen Homonyme hauptsächlich auf zwei Wegen; 1) durch den Zerfall der Polyserpie; 2) durch eine zum gleichen Ergebnis^ führe'nd& fonetische Entwicklung, durch zufälligen Zusammenfall der Lautgestgh verschiedener Wörter (anders gesagt: Bedeutungsüivergenz üilcf durch konv^fgiererfde Lautentwicklung). s. r^
I. Aus der Sprach- und Kulturgeschichte kommt ein aufschlussreiches Beispiel. Die heutigen Homonyme das Schild (PI. -er) eueecKa und der Schild (PI. -e) ipum sind etymologisch verwandt, da sie früher ein mehrdeutiges Wort bildeten. Der Schild des Fötfefs War zueteich^sein Emblem, darauf war ja sein Wappen (eepö) abgebildet. Ein ähnliches Sinnbild war das Schild des Handwerkers (beim Geflüster ein Schuh oder ein Stiefel, beim Bäcker eine Semmel). Deshalb wurde die Bezeichnung des Ritterschildes auf das Aushängeschild des Handwerkers übertragen (vgl. ropoaHHKOBa, Po3eH, 1967, 25). Mit der Zeit aber ging die semantische
Verbindung der beiden Sememe verloren, so entstanden zwei selbständige Homonyrne Wörter mit verschiedenen grammatischen Formen.
Infolge des Zerfalls der Polysemie bildeten sich viele Homonyme heraus:
die Feder (nepo) die Feder ()
der Hahn (nemyx) der (Wasser)hahn ( )
der Zug (, ) der Zug (noe3d)

II. Infolge phonetischer Prozesse entwickelten sich zu Homonymen Wörter verschiedenen Ursprungs
der Ball > ahd. balla, verwandt mit lat. follis
der Ball > franz. le bal
der Reis > ital. riso puc
das Reis > mhd. ris

16. Bedeutungserweiterung und Bedeutungsverengung des Wortes
Erweiterung der Bedeutung ist das Resultat der Entwicklung des semantischen Umfangs des Wortes vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom Konkreten zum Abstrakten. Die Bedeutung des Wortes erweitert sich, und das Wort selbst beginnt einen weiteren Begriff zu bezeichnen. Die Bedeutungserweiterung besteht also in der Verallgemeinerung der ursprünglichen Bedeutung. Die Entwicklung der Bedeutung führt zur Erweiterung des Gebrauchsgebietes des Wortes: Stube, ursprünglich Heizvorrichtung für ein warmes Bad, dann ein mit dieser Vorrichtung versehenes Badezimmer, später ein heizbares Zimmer und endlich ein Zimmer überhaupt; Mütze, ursprünglich Kleidungsstück eines Geistlichen, das Kopf und Schulter bedeckte, heute Kopfbedeckung.
In der Regel führt die Erweiterung des semantischen Wortumfangs nicht zur Mehrdeutigkeit des Wortes und ist mit dieser nicht identisch. Für ein polysemes Wort ist kennzeichnend, daß dieses Wort mehrere Denotate (Gegenstände und Erscheinungen) bezeichnet und infolgdessen auch mehrere Bedeutungen besitzt. Für die Erweiterung der Bedeutung ist dagegen typisch, daß ein Wort nur ein Denotat (Gegenstand und Erscheinung) bezeichnet, das heißt nur eine allgemeine sachliche Bedeutung besitzt, der semantische Umfang und das Gebrauchsgebiet des Wortes hat sich aber erweitert. Der parallele Terminus für die Bedeutungserweiterung ist die Generalisierung der Bedeutung. Die Bedeutungserweiterung ist oft eine Begleiterscheinung des Übergangs der Wörter aus einem fachsprachlichen Bereich in die Allgemeinsprache.
Die Bedeutungsverengung ist ein Gegenstück zu Bedeutungserweiterung. Parallele Bezeichnung ist Spezialisierung der Bedeutung. Die Verengung der Bedeutung entsteht als Ergebnis der semantischen Entwicklung eines Wortes vom Allgemeinen zum Einzelnen, vom Abstrakten zum Konkreten. Die Bedeutung des Wortes verengt sich, und das Wort beginnt infolgedessen einen engeren, einen Einzelbegriff auszudrücken. Die Verengung des Bedeutungsumfangs führt auch zur Begrenztheit des Gebrauchsgebiets des Wortes mit sich: Dach, ursprünglich allgemein das Deckende, heute nur das Dach eines Hauses; Lid, ursprünglich Deckel überhaupt, heute nur Augendeckel; Brief, ursprünglich kurzes offizielles Schriftstück, Urkunde, heute eine schriftliche Mitteilung auf Entfernung, die gewöhnlich per Post gesandt wird.

17. Historische Analyse des Wortschatzes
Wortschatzwandel ist ein charakteristisches Merkmal der Sprache als gesellschaftlicher Erscheinung und als Kommunikationsmittel. Die Sprache passt sich den eventuellen Nominations- und Kommunikationsbedürfnissen der Sprachgemeinschaft an. Der Wortbestand der Sprache ist sehr eng mit der Geschichte und mit dem Leben des Volkes verbunden. Alle Veränderungen im gesellschaftlichen Leben werden in der Sprache (im Wortschatz) fixiert. Die Sprache charakterisiert man darum als ein offenes System, das durch die Wandelbarkeit geprägt wird. Am schnellsten verändert sich der Wortbestand der Sprache, der nicht nur die Geschichte eines Volkes, sondern auch die Entwicklung der materiellen und geistigen Kultur der gesamten menschlichen Gesellschaft widerspiegelt. Einige Wörter werden immer seltener gebraucht, veralten, werden archaisch und können sogar ganz verschwinden; andere wiederum entstehen im Prozess der Sprachentwicklung. Der Prozess des Alterns und Verschwindens der Lexik geht relativ langsam vor sich. Demzufolge sind drei Wortgruppen im Wortschatz der deutschen Sprache zu jeder bestimmten Entwicklungsperiode zu unterscheiden:
1) Wörter, die zu dieser Periode gang und gäbe sind und eigentlich den
Wortschatz der Sprache ausmachen.
2) Wörter, die aus irgendwelchem Grund veraltet sind (die sogenannten
Archaismen).
3) Wörter, die neu entstanden sind (die sogenannten Neologismen). Neue Wörter entstehen auf dem Wege der Wortbildung oder der Entlehnung. Die Bedeutung einiger Wörter ist auch einem Wandel unterworfen, bei dem die alten Wortbedeutungen untergehen und neue Bedeutungen entstehen.

18. Wortpaare (Zwillings- oder Paarformeln)
Das sind Fügungen aus zwei Lexemen der gleichen Wortart. In der Regel sind es: Synonyme Art und Weise; Grund und Boden; hegen und pflegen; Antonyme Tag und Nacht; Alt und Jung; wohl oder übel; thematisch nahe stehende Wörter Haus und Hof; krumm und lahm.
In den Zwillingsformeln werden fonetische Mittel angewandt: Endreim (Handel und Wandel; schalten und walten) Stabreim oder Alliteration (Feuer und Flamme; mit Lust und Liebe; klipp und klar).

19. Phraseologismus
Die Phraseologie ist ein relativ neuer Bereich der Linguistik, der sich mit festen Wortkomplexen (weiter FWK) oder mit Phraseologismen einer Sprache befasst. Heutzutage tritt der Begriff Phraseologie in zwei Bedeutungen auf:
1) sprachwissenschaftliche Teildisziplin, die sich mit der Bestimmung, Abgrenzung, Beschreibung, Erklärung und Klassifizierung von Phraseologismen beschäftigt sowie mit ihrer Herkunft, Struktur, Bedeutung und Text Funktion;
2) Bestand (Inventar, Gesamtheit) von Phraseologismen einer bestimmten Einzelsprache.
Bei FWK handelt es sich um eine weitere Fassung des Phraseologie Begriffs, bei Phraseologismen geht es um eine engere Auffassung des Terminus. Bisweilen wird die Phraseologie als Bestandteil der Lexikologie, bisweilen als selbständige linguistische Teildisziplin angesehen.
Feste Wortkomplexe (im engeren Sinne Phraseologismen) sind sekundäre sprachliche Zeichen von stabilem, reproduzierbarem Charakter. Sie werden aus primären Zeichen Lexemen gebildet. Sie haben die Struktur von Wortgruppen (Syntagmen) oder Sätzen und verfügen über eine besondere Semantik und Konnotation. Von freien Syntagmen (Wortverbindungen) unterscheiden sie sich durch die folgenden Merkmale: a) in festen Syntagmen und festgeprägten Sätzen bestehen keine regulären semantischen Beziehungen; b) die Gesamtbedeutung des FWK, des Phraseologismus ergibt sich nicht aus den Bedeutungen der Komponenten, z. B .j-m (dem Kind) den Kopf waschen; der rote Faden als freie Syntagmen bezeichnen eine konkrete Handlung, einen konkreten Gegenstand von bestimmter Farbe. Als Phraseologismen gebraucht: j-m den Kopf waschen (ugs.) j-n scharf zurechtweisen, beschimpfen, tadeln; der rote Faden (im Buch, Text) der leitende Gedanke, das Leitmotiv.
Die Phraseologismen unterscheiden sich von den Wörtern nicht nur durch ihre Struktur (Mehrgliedrigkeit) und Semantik, sondern auch durch ihre Konnotation, zusätzliche expressiv-emotionale Momente, durch Bildlichkeit (die mitunter verdunkelt, unmotiviert erscheint): auf Schritt und Tritt, weit und breit überall; an j-m {an seinem Kind) einen Narren gefressen haben an j-m sehr hängen, j-n gern mögen, sehr lieben; mit Kind und Kegel mit allen Familienangehörigen; auf der Bärenhaut liegen faulenzen.
Stabilität, Idiomatizität und Reproduzierbarkeit sind wesentliche Merkmale zur Bestimmung und Abgrenzung von Phraseologismen.
1) Stabilität meint, dass Phraseologismen nicht erweiterbar und ihre Komponenten in der Regel nicht austauschbar sind, sie treten stets in derselben Kombination auf: den Kopf in den Sand stecken * das Haupt in den Sand stecken; die Katze im Sack kaufen * den Kater im Beutel kaufen.
2) Idiomatizität meint, dass sich die Gesamtbedeutung eines Phaseologismus nicht aus der Bedeutung der Bestandteile direkt ableiten lässt. Der Satz Sie hat ihrem Mann/ihrem Kind den Kopf gewaschen hat zwei Lesarten: die konkrete (etw. reinigen) und die übertragene, idiomatische (j-n beschimpfen, scharf zurechtweisen).
3) Reproduzierbarkeit bzw. Lexikalisierung meint, dass Phraseologismen bei ihrer Verwendung im Text nicht neu produziert/gebildet werden, sondern als fertige, im Lexikon gespeicherte Einheiten zur Verfügung stehen.
Es sei auf synonyme Termini hingewiesen. In der germanistischen Linguistik sind die folgenden Bezeichnungen für phraseologische Wortfügungen zu finden: Idiom, idiomatische Wendung, festes Syntagma, Redensart, Redewendung, Phraseolexem, Phrasem, Wortgruppenlexem, phraseologische Einheit und (bevorzugt) Phraseologismus (auch: Idiomatik für Phraseologie).
Die semantische Klassifikation von V. V. Vinogradov
Bei der Herausbildung der russischen Phraseologie als linguistische Disziplin hat Viktor V. Vinogradov (1894/95 1969) Pate gestanden. 19461947 erschienen seine berühmten Aufsätze zur russischen Phraseologie, in denen er von der empirisch bedingten Beschreibung fester Wortverbindungen zur theoretischen Untersuchung der Verknüpfungsgesetzmäßigkeiten (der Kombinierbarkeit) der Wörter übergeht. Er unterscheidet im Russischen vier Typen von Phraseologismen:
1) phraseologische Ganzheiten / Zusammenrückungen opake Idiome, die völlig unmotiviert und unzerlegbar sind:

2) phraseologische Einheiten motivierte Idiome, die infolge der Bedeutungsübertragung entstanden und semantisch durchsichtig sind.
Phraseologische Einheiten haben in der Regel eine Parallele in Form einer freien Wortverbindung mit direkter Bedeutung der Komponenten: russ. das Kind fiel ins Wasser (direkte Bedeutung) unser Ausflug fiel ins Wasser, weil es den ganzen Tag regnete (idiomat. Bedeutung);
3) phraseologische Wrbindungen Dazu gehören analytische Konstruktionen: zum Ausdruck bringen, in Frage kommen u.a. Phraseologische Verbindungen sind reihenbildend und oft variabel. Sie beruhen auf einer losen Verknüpfung der Wörter; /
4) phraseologische Ausdrücke oder festgeprägte Sätze mit Umdeutung wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Da die Gliederung von V.Vinogradov die Bedeutung des ganzen Phraseologismus und seiner Bestandteile berücksichtigt, wird sie semantische Klassifikation genannt. Die Vinogradovsche Klassifikation der Phraseologismen war allgemein anerkannt und wurde von R. Klappenbach mutatis mutandis (mit nötigen Abänderungen) auf das Deutsche übertragen (s. Klappenbach, 1961).

20. Jugendsprache
Eine besondere Rolle spielt in der gruppenspezifischen Lexik der Wortschatz der Jugendlichen; Jugenddeutsch, Jugendjargon, Jugendslang, Halbwüchsigendeutsch, Twendeutsch (Sprache der Teenager und Twens), Jugendsprache etc. Träger dieses Gruppenwortschatzes sind verschiedene Altersgruppen, sie umfassen Jugendliche im Alter von 14 bis 30 Jahren.
Es sind die folgenden Triebkräfte oder Ursachen, die zur Ausgestaltung der Jugendsprache beigetragen haben:
1) das Bestreben der Jugendlichen, sich von Älteren zu unterscheiden;
2) der Versuch, das Alltägliche und das Langweilige der Sprache zu überwinden;
3) das Bedürfnis nach expressivem Ausdruck;
4) Antihaltung altersbedingter, aber auch politischer Art gegen die Institutionen der Gesellschaftsordnung, z. B. im Zusammenhang mit der Studentenbewegung, der Studentenrevolte (1968);
5) das Streben nach Selbstbestätigung.
Die Jugendsprache veranlasst zu kontroversen, widerspruchsvollen Diskussionen. Nicht selten schlägt man Alarm wegen Verunreinigung der Sprache, wegen Verfalls deutscher Sprachkultur. Ihre Befürworter dagegen loben sie als innovativ, kreativ und sprachbereichernd. Helmut Henne vertritt den Standpunkt, dass die Jugendsprache keine homogene Varietät des Deutschen sei. Als Ergebnis verschiedenster Einflüsse geht sie auf soziale, regionale und intellektuelle Heterogenität der Jugend zurück. H.Henne verweist auf die vier Dimensionen der Jugendsprache: eine funktionelle, strukturelle, pragmatische sowie eine Dimension der inneren Mehrsprachigkeit (s. Henne, 1986).
Im Gegensatz zur Standardsprache hat das Jugenddeutsch keine eigene Grammatik (abgesehen von bevorzugten Konstruktionen und morphologischen Formen), keinen allumfassenden Wortschatz normativer Geltung. Sie ist von Schnelllebigkeit und ständiger Erneuerung gekennzeichnet. Sie setzt die Standardsprache voraus und pflegt spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels.
Unter struktureller Dimension betrachtet man solche jugendsprachlichen Merkmale und Erscheinungen wie: Sprüche, Redensarten, Wortbildungen, Wortschatz, Syntax, Prosodik, Grafie (Schreibung). Beispiele für Namen und Partnerbezeichnungen: Tussi (Mädchen); Macker (Freund, Bekannter), Klassenbuchfuzzi (ist für das Klassenbuch verantwortlich); Sab bei (jemand, der viel redet); Blitz (einer, der langsam ist);
II. Aus funktioneller Sicht ist die Jugendsprache als altersbedingte und gruppenbezogene Erscheinung ein Anzeichen der krisenhaften Entwicklung, in der sich jeder Jugendliche in der Pubertät befindet. Während dieser Zeit ist er auf die altersgleiche Gruppe als Ort der Orientierung angewiesen. Dadurch erklärt sich der schnelle Wandel der Jugendsprache. H. Henne bezeichnet sie als zuweilen kreativen, zuweilen stereotypen Ausdruck von Vielfalt und Selbstbestimmung der Jugendlichen.
Nach H.Ehmanns Konzeption motivieren die folgenden Aspekte die Jugendsprache:
1. Der Protestaspekt. Die Jugendlichen verstehen ihre Sprache als Protest-Instrument gegen die aus ihrer Sicht Sprachlosigkeit der Erwachsenenwelt und als Gegenpol zu bestehenden Normen und Konventionen. (Daher die Wörter Otzis, Grufties als Synonyme für Eltern). Wie ein polnischer Autor äußerte, kann die Jugend nicht ihr bewusstes Leben damit beginnen, die Richtigkeit der Ansichten von Erwachsenen anzuerkennen.
2. Der Abgrenzungsaspekt. Die lebenswichtige*! Aufgaben des Jugendalters sind der Erwerb eigener Erfahrungen, reiferer Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts, die Gewinnung emotionaler und intellektueller Unabhängigkeit von den Eltern. Sprachliche Abgrenzung ist nur ein Aspekt im jugendlichen Emanzipationsbestreben. Das sprachliche Anbiedern durch Erwachsene wird von Seiten der Jugendlichen als Eindringen in ihre Intimsphäre ausgelegt.
3. Der Aspekt der Credibility (Kredit- und Glaubwürdigkeit). Sprache soll echt/authentisch klingen und zur jeweiligen Person und deren Einstellung passen.
4. Der Spiel- und Innovationsaspekt. Der Wunsch, etwas Neues, ganz Persönliches zu schaffen, liegt tief in der menschlichen Natur verwurzelt. Besonders Jugendliche haben Freude am spielerischen Umgang mit der Sprache, haben Lust am Absurden, am Witz, was oft als Indikator zur Selbstdefmition dient (z. B. Blitzmerker (meist iron.) = Mensch, der nur langsam begreift; Bodentumer, Denkzwerg, Dusseltier, Nullchecker (abwertend) = Dummkopf, begriffsstutzige Person; Frischling: eigentlich = junges Wildschwein, Wurf einer Wildsau; in der Jugendspr. = Kind, Neuling, z.B. Fahrlappen-Frischling = Führerscheinneuling). Denken Sie an die Theorie vom Spieltrieb des niederländischen Philosophen J. Huizinga.
5. Der affektiv-emotionale Aspekt. Während der Pubertät sind Jugendliche mit zahlreichen Konflikten und Widersprüchen konfrontiert. Ihre aufgestauten Affekte und Emotionen kommen in der und durch die Sprache zum Ausdruck, Jugendliche können sich sprachlich abreagieren. In diesem Sinne kann die Jugendsprache als ein Stück kanalisierter Emotionsabfuhr mit therapeutischem Effekt betrachtet werden.
6. Der kommunikativ-ökonomische Aspekt. Jugendsprache hat gegenüber dem Hochdeutsch eindeutige kommunikative Vorteile:
Sie ist k o n k r e t e r und farbiger als die überwiegend an Abstraktion und Deskription orientierte Standardsprache;
Sie ist ö k o n o m i s c h e r und bequemer als die vielfach langatmige, komplizierte Standardsprache;
Sie drückt subjektive Gefühle und Stimmungen besser aus;
Sie entkrampft (paspnotcaem, cnuMaem nanpxDiceHue) die Gesprächsatmosphäre und ist durch Regellosigkeit wesentlich flexibler als die steifere Standardsprache (s. Ehmann, 2001,1012).
Den Aufgabenbereich der Jugendsprache kann man aus sozialpsychologischer, funktioneller Sicht in drei Punkte zusammenfassen:
1) die Abgrenzung von der Erwachsenenwelt (Ich und Ihr) ] 2) die Identifikation mit der Peergmppe (Wir) das ist Gruppe von Jugendlichen, die sich gegenseitig bei der Loslösung vom Elternhaus unterstützen, zu engl, peer gleichrangig; 3) die eigene Identitätsfindung (Ich). S p r a c h p r o f i 1 i e ru n g ist der Begriff, der diese Funktionen von Jugendsprache bezeichnet.
III. Zur pragmatischen Dimension der Jugendsprache gehören Sachbereiche, die im Leben der Jugendlichen relevant und aktuell sind.
H. Henne unterscheidet die folgenden sieben Bereiche, die gruppensprachlich geprägt sind: 1. die kommunikative Beziehung in der Gruppe (Beziehungen in der Schule, im Beruf, in der Freizeit, im Freundeskreis, in der Familie); 2. die Befindlichkeit (Expressivität von Begeisterung, Entzücken, Erstaunen, Verwunderung, Unwillen, Verdruss, Gleichgültigkeitu.a.); 3.die Verbindlichkeit (Ausdrücke des Verstehens, Begreifens, Bewertens, Drohens, Spottes etc.); 4. die Musik (Musikstile, Musikinstrumente, Tonwerke, Musikinterpreten);
5. Reizobjekte (Ausdrucksweisen in Bezug auf Kneipe, Disko, Kleidung, Frisur, Sport, Medien, Ordnungskräfte etc.); 6. Schule (Personal der Schule, Gebäude, Räume, Schulgegenstände: Klassenbuch, Zeugnis u.a.); 7. Weltanschauung und Politik (Wörter mit Bezug auf Lebenstil: Stino = J-d, der ein ganz normales Leben führt, Abkürzung von: der Stinknormale; auf politische Orientierung: Müslifresser = Grüner; Fascho = ,j-d, der rechtsorientiert ist).
In Anlehnung an H. Henne versuchen wir auch thematische Bereiche der Jugendsprache zu skizzieren: Freizeitgestaltung, Mode/Kleidung, Musik, Sport, Technik, Beziehungen unter Jugendlichen, Bewertung von Eigenschaften und Zuständen, Personenbezeichnungen. Echt mannigfaltig und kreativ sind Bezeichnungen für die Jugendlichen selbst, z. B. für ein junges Mädchen: Tussi, Alte, Kirsche, Weib, Praline, Madame, Disko- Torte, Bopper, Mutti, Tante, Supermutter, Keule (nordd.), Flamme, Puppe, Tochter, Mieze, Anhängsel]
IV. Die Dimension der inneren Mehrsprachigkeit geht davon aus, dass die Jugendsprache als eine Varietät in den Zusammenhang von Standard und Varietäten gestellt und nach dem Erkenntniswert dieser Gruppensprache erforscht wird. Die vierte Dimension beurteilt das Jugenddeutsch von außen her und erfüllt die Aufgabe der Sprachkritik. Da Jugendliche mit vorschreitendem Alter zum Hochdeutsch übergehen, kann man das Zusammenwirken der beiden Sprachformen (Standard und tägliche Gebrauchssprache der Jugendlichen) als eine Art Diglossie betrachten.
In der Jugendsprache werden die folgenden sprachlichen Mittel und Verfahren realisiert (s. Stepanova, Cemyseva, 2003,161\ Schippan, 1992, 97-98):
1) Polysemie, metaphorische Übertragung: {steiler) Zahn Mädchen; Hirsch, heißer Stuhl Motorrad; Asche Geld; Unsinn; Bock Lust (Wir haben Null Bock auf gar nichts1. A HÜM ecepaenol); Kanne Saxophon; Badewanne Kontrabass, Wurzel Klarinette.
2) Entlehnungen aus anderen Gruppensprachen, Dialekten und Fremdsprachen: HardRock, Disko, Live-Disko, Sportdress, T-Shirt, Freak, Funky-Musik, Sound, cool, Salut\, Brumme = Braut, Freundin (aus der Soldatensprache); Ische = Freundin, Mädchen (aus der Gaunersprache); das poppt, das fetzt (früher berlinerisch).
3) Gebrauch bestimmter Wortbildungsmodelle:
a) mit Verbalpräfixen: abmatten, abflachen cnamb; abblasen daeamb omöoü; abdonnem yMnambcx; abholzen möumb, oepaöumb, cnucamb; abjagen Haöeeambcx; vorkohlen, vorgaukeln emupamb OHKU u.a. m.
b) suffixale Verbalsubstantive mit dem sekundären -e: die Rauche Zigarette; die Rieche Nase; die Absteige Wohnung; die Abgewöhne unangenehmes Mädchen; die Scheine Lampe; die Greife Hand.
Produktiv sind die Modelle der Substantive auf -i und -o, die zu Abkürzungen oder Suffixbildungen gezählt werden: Alki, Assi, Heini, Schleimi; Demo, Info, Radikalo,
4) Konversion:
a) Substantive werden als Adjektive gebraucht: Die Gruppe ist Sahne. Das ist 'ne sahne Gruppe. Der Film ist Klasse/Null/Traum, b) Adjektive werden zu Verben: Ich faule heute = Ich mache heute nichts.
5) Stereotype Satzstrukturen: Ich denk, mein Sparschwein quiekt/mein Hamster bohnert/ mein Trecker humpelt.
Die Jugendsprache und die Umgangssprache haben einige gemeinsame Züge. Eine scharfe Grenze zwischen Sprachvarietäten und Gruppensprachen ist schwer zu ziehen. Welcher Sphäre gehören z. B. die Kurzwörter an: Azubi, Bio, Dino, Info, Mathe, Schleimi, Sympathiko der Jugend-, Umgangs- oder Schülersprache? Bei der Untersuchung müsste man zwei Aspekte beachten: a) in welchem Bereich ist das Wort entstanden?; b) in welcher Sphäre wird das Wort häufiger, mit Bevorzugung verwendet?
Es sei hervorgehoben, dass die Jugendsprache als Spiegel des dynamischen Lebens von Jugendlichen ständigen Veränderungen ausgesetzt ist.

@: Lexikologie, Deutsch

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